#WsS trifft … Stephan Willinger

Es geht weiter mit unserer Reihe, in der wir Menschen interviewen, die beruflich im Themenfeld Gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung unterwegs sind. Wir fragen, was sie konkret tun und welche Stellschrauben sie benennen können, damit zivilgesellschaftliches Engagement gelingt.
Stephan Willinger ist Stadtforscher. Er arbeitet am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn-Mehlem, einer Forschungseinrichtung des Bundes, die sich mit Fragen der Stadt- und Raumentwicklung in Deutschland befasst. Seit rund 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Rolle von Bürgerinnen und Bürgern in der Stadtentwicklung. Sein Schwerpunkt liegt auf Bürgerbeteiligung, zivilgesellschaftlichem Engagement und der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Stadtgesellschaft. Aktuell ist er Mitglied des Auswahlgremiums zum Verfügungsfonds Bonn-Innenstadt. Dort hat ihn zuletzt ein studentisches Projekt der Alanus Hochschule für den Marthashof begeistert, bei dem wunderbare Installationen zur Belebung dieses vergessenen Ortes entstanden sind.
#WsS: Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu einem Interview. Als Stadtforscher am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) forschen Sie seit rund 20 Jahren zu zivilgesellschaftlichen Projekten, ihren Motiven und Geschichten, Herausforderungen und Chancen. Was ist Ihre Motivation für Ihre Tätigkeit? Haben Sie einen bestimmten Fokus? Was ist für Sie entscheidend/eine wichtige Voraussetzung, um Stadtentwicklungsprojekte voranzubringen?
S. Willinger: Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich – und genau das motiviert mich bis heute. Das BBSR bietet als Ressortforschungseinrichtung des Bundes einen breiten Überblick über die Stadtentwicklung in Deutschland und zugleich eine große Reichweite in Politik und Praxis hinein. Diese Kombination aus analytischer Distanz und praktischer Relevanz genieße ich sehr.
Inhaltlich liegt mein Fokus auf der Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern an der Stadtentwicklung: dabei geht es nicht nur um klassische Bürgerbeteiligung, sondern immer öfter um selbstorganisierte zivilgesellschaftliche Initiativen, Formen der Koproduktion zwischen Verwaltung und Stadtgesellschaft sowie sogenannte „Dritte Orte“ als Begegnungsräume jenseits von Markt und Staat. Die Grundlage meines Handelns ist die Feststellung, dass Stadtentwicklung ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess ist, kein rein technokratisches Planungsproblem. Dieses Aushandeln wird immer schwieriger, weil wir so dünnhäutig geworden sind, Konflikte nicht gut austragen können und Kompromisse als etwas Schwaches ansehen. Die Bereitschaft, unterschiedliche Logiken zu akzeptieren und Überschneidungen zu suchen zusammenzubringen ist aber in unserer pluralistischen Gesellschaft entscheidend: die Logik der Verwaltung, die auf Rechtssicherheit, Zuständigkeiten und Förderbedingungen angewiesen ist, und die Logik der Zivilgesellschaft, die stärker von Bedürfnissen, Situationen und Beziehungen ausgeht. Erfolgreich wird Stadtentwicklung dort, wo diese Logiken nicht gegeneinander ausgespielt, sondern produktiv verschränkt werden.
#WsS: Wie sieht ihre Arbeit ganz praktisch aus?
Meine Aufgabe besteht darin, Forschungsfragen zu beantworten, die aus dem Bundesbauministerium an mich herangetragen werden. Das bedeutet: Mit meinen Kolleginnen zusammen konzipiere ich Forschungsprojekte, begleite Modellvorhaben, werte Erfahrungen systematisch aus und formuliere Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung.
Eigentlich geht meine Arbeit aber weit darüber hinaus. Um fundierte Aussagen treffen zu können, brauche ich einen guten Überblick über die aktuelle Stadtentwicklung in Deutschland und belastbare Kontakte zu den unterschiedlichen Akteursgruppen – Kommunen, Initiativen, Stiftungen, Planungsbüros, Wissenschaft. Ich arbeite also schon viel am Schreibtisch in Bonn, schreibe Studien, Fachbeiträge und Berichte. Gleichzeitig bin ich bundesweit auf Konferenzen unterwegs, berate Projekte vor Ort und vernetze Akteure miteinander. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist außerdem, die Geschichten hinter den Projekten sichtbar zu machen. Stadtentwicklung ist ja nicht nur eine Frage von Flächen, Budgets und Verfahren, sondern auch von Narrativen: Welche Erzählungen prägen eine Stadt? Wer kommt darin vor – und wer nicht? Zivilgesellschaftliche Projekte sind oft Träger neuer Narrative, die andere Zukunftsbilder von Stadt entwerfen. Aber sie erzählen noch zu wenig darüber. Hier versuche ich, Tipps zu geben und daraus Methoden zu entwickeln. Wie bei dem großen Bürgerbeteiligungsprozess Bonn4Future, in dessen Prozessbeirat ich war.
#WsS: Wie war Ihr beruflicher Weg in der Stadtentwicklung? Gab es bestimmte Anlässe, die Sie bewogen haben, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Mein Weg verlief geradewegs vom Baumhaus-Bauen über das Veranstalten von Konzerten an allen möglichen und unmöglichen Orten in einen Beruf, bei dem all meine Interessen (Gestaltung, Politik, Ökonomie, soziale Fragen und kulturelle Praktiken) unmittelbar aufeinandertreffen. Das hat mich von Beginn an begeistert. Eigentlich habe ich von Beginn an zwei Fragen verfolgt: Wie kommen neue Ideen in die Stadt? Und wie erzählen wir als Stadtgesellschaft darüber? Ich habe beobachtet, dass viele innovative Impulse nicht aus klassischen Planungsroutinen entstehen, sondern aus engagierten Gruppen, die Missstände benennen, sich Räume aneignen oder neue Formen des Zusammenlebens erproben. Diese Dynamik wissenschaftlich zu begleiten, konzeptionell weiterzudenken und dadurch auch zu fördern, ist für mich bis heute ein zentraler Antrieb.
#WsS: Wenn Sie auf die Projekte, die Sie in den letzten Jahren begleitet haben, zurückblicken. Wodurch haben sie sich ausgezeichnet? Können Sie Erfolgsfaktoren für nachhaltig wirksame, zivilgesellschaftliche Prozesse nennen?
Ich beobachte in den letzten Jahren, dass sich zivilgesellschaftliche Akteure immer professioneller und strategischer in die Stadtentwicklung einbringen. Und zwar nicht nur wie früher aus einer Protesthaltung heraus, sondern mit dem Anspruch, selbst zu gestalten – eigene Orte, eigene Programme, eigene Organisationsformen zu entwickeln.
Dieses „Eigenartige“, also das eigensinnige Moment zivilgesellschaftlicher Initiativen, ist für Verwaltungen nicht immer leicht zu integrieren. Verwaltung arbeitet in Zuständigkeiten, Förderlinien und Nachweispflichten. Initiativen arbeiten situativ, beziehungsorientiert und oft experimentell. Hier entstehen Reibungen.
Erfolgreich sind Prozesse dort, wo diese Reibungen nicht als Störung, sondern als produktives Spannungsverhältnis verstanden werden. Wenn wir heute über mehr Begegnungsorte in unseren Städten sprechen, über neue öffentliche Räume oder über sogenannte Dritte Orte, dann lassen sich diese nicht einfach top-down planen, durchkalkulieren und standardisiert umsetzen. Sie entstehen nur in Koproduktion: also auf Augenhöhe zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft, mit klaren Rollen, aber gemeinsamen Zielen.
#WsS: Zum Abschluss noch unsere traditionelle Frage in dieser Reihe: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung zu forcieren: Was müsste wer tun, was müsste geschehen?
Ich würde mir wünschen, dass Politik die Mitwirkung der Stadtgesellschaft nicht als optionales Beteiligungsformat versteht, sondern als strategisches Instrument moderner Stadtentwicklung. Das ist kein Machtverlust für staatliche Institutionen, sondern ein Zugewinn an Gestaltungsmöglichkeiten. Denn gerade in Zeiten sinkenden Vertrauens in politische Institutionen kann Koproduktion dazu beitragen, Legitimität zurückzugewinnen. Wenn Bürgerinnen und Bürger erleben, dass ihre Ideen nicht nur angehört, sondern ernsthaft integriert werden, verändert das die Beziehung zwischen Staat und Stadtgesellschaft.
#WsS: Vielen Dank dafür, dass Sie sich unseren Fragen gestellt haben. Wir werden gleich die Gelegenheit nutzen und mit der Alanus Hochschule und dem Geografischen Institut der Uni Bonn Kontakt aufnehmen, um einen Erfahrungsbericht über den Marthahof zu veröffentlichen. Vielen Dank auch für diesen Hinweis und viel Erfolg bei Ihrer weiteren Arbeit.

Ein super tolles Beispiel Projekt
Hallo, ich finde Parkplätze von Supermärkten sind Orte, deren Gestaltung, auch in Richtung Hitzeschutz, viel mehr Beachtung erfordert. Hier könnte…
Danke Jutta für den Einstieg in die Welt der Bonner Klimapläne. Es ist wirklich besonders, diese beiden Werke. Denn Klimapläne…