Abendgespräch #3: Wenn wir Königin und König wären…

Ein Gastbeitrag von Norbert Körschgen

„Sag mal Britta, warum gibt es eigentlich hier in Bonn so wenig „Konzeptvergaben“, wenn es um Grundstücke geht? Ich höre da ganz selten was von und kann mich nicht erinnern, sowas im GA gelesen zu haben. Am Brüser Berg gab`s mal was, oder?“

So begann unser Gespräch, nachdem ich auf wir-sind-stadt.net den Hinweis auf dieses Thema  und die Broschüre dazu gelesen hatte.

Nach mehr als einer Stunde Reden und dem Espresso nach dem Essen lag keine Antwort auf dem Tisch, sondern die Verwunderung war eher größer geworden: Warum wird etwas, was andere Städte laufend und erfolgreich praktizieren, nicht auch in Bonn viel häufiger gemacht?

Ist es vielleicht zu schwierig hier in Bonn? Oder zu aufwendig? Vielleicht kennen die Akteure in Verwaltung und Politik diese Instrumente der Stadtentwicklung ja auch gar nicht so gut? Vielleicht haben die Spitzen in Verwaltung und Politik so viel mit Streitereien, z.B. um das Melbbad und mit Investoren, der Beethovenhalle, der Stadthalle, anderen maroden Gebäuden und mit sich selbst zu tun, dass keine Lust und Energie mehr vorhanden ist, sich mit solchen ja auch arbeitsintensiven Instrumenten zu befassen?   Vielleicht fehlt auch die eine Person, die kleine Gruppe von Menschen, die für so etwas „brennt“?

Wir hatten viele Fragen und überhaupt keine eindeutigen Antworten. Vielleicht und wahrscheinlich gibt es eine Mischung aus allen hier beschriebenen und weiteren Aspekten, die es in Bonn eher schwierig machen, Neues zu wagen.

Aber was tun? Eine unorthodoxe Idee an diesem Abend war folgende:  Wenn wir beide „zu sagen hätten“, sozusagen Königin und König von Bonn wären …

…dann würden wir viele irgendwie beteiligte Akteure aus Politik, Verwaltung, Interessenvertretungen und zufällig ausgewählte Bürger*Innen in einen Bus setzen und eine Rundreise nach Tübingen, Freiburg, Frankfurt, Köln, Münster, … machen. In Städte, die solche Verfahren höchst erfolgreich praktizieren.
Wir würden die Reisegruppe in Kontakt bringen mit den Menschen, die das jeweils initiiert und umgesetzt haben. Und diese Menschen würden von Ihren Ideen, Erfolgen, erlebten Schwierigkeiten und gemachten Fehlern erzählen. Und dann würde das Ergebnis besichtigt: Quartiere, die einfach anders aussehen und in denen es sich anders lebt, als in den bekannten Investoren-Schachteln.

Das würde keine Spaß-, sondern eine Arbeitsreise sein, auch verbunden mit einer Dokumentation der Erkenntnisse für die Öffentlichkeit. Und vielleicht würde man diese Erkenntnisse gleich bei den nächsten anliegenden Großprojekten, wie z.B. in Villich-Müldorf, umsetzen.  

Klar, das geht nicht – Corona, es kostet Geld, Empörung von Leserbriefschreiber*Innen. Aber „spinnen“ darf doch mal erlaubt sein! War ein schöner Abend.

4 Antworten

  1. Frieder sagt:

    Ich muss gestehen, ich weiß überhaupt gar nichts über Konzeptverfahren. Es klingt aber auf jeden Fall sehr interessant. Gibt es dazu irgendwelche Veranstaltungen in Bonn und Umgebung? Geht sowas nicht auch online?
    LG Frieder

  2. Britta Körschgen sagt:

    Hallo Frieder, eine Online-Veranstaltung, bei der Fachleute aus Städten, die mit Konzeptverfahren arbeiten, von ihren Erfahrungen berichten, fände ich auch eine tolle Sache! Gute Idee! Mit Liveveranstaltungen ist es ja derzeit leider schwierig.
    Es müsste sich allerdings jemand auf städtischer Ebene den Hut aufsetzen, so eine Veranstaltung zu organisieren, damit auch tatsächlich Leute aus der Verwaltung und Politik daran teilnehmen.
    Hast du schon unseren Beitrag „Wettbewerb der Ideen gelesen – Konzeptvergabe“ ttps://wir-sind-stadt.net/wettbewerb-der-ideen-konzeptvergabe/ gelesen mit dem Verweis auf die sehr informative Broschüre „Baukultur für das Quartier . Prozesskultur durch Konzeptvergabe“ ? Die Broschüre findest du in unserer Materialsammlung, da steht viel Wissenswertes drin.

  3. Jürgen Reske sagt:

    Immer ein guter Ansatz, sich erstmal woanders schlau zu machen. Ich denke an schöne Projekte aus der deutschen Bürgerstiftungswelt, die wir mit unseren Möglichkeiten hier umgesetzt haben. Und ich denke an einige unserer Projekte, die in anderen Städten mit den dortigen Gegebenheiten realisiert wurden.

  4. Vorstand sagt:

    Zur Steigerung der städtebaulichen Qualität und zur Sicherung von bezahlbarem Wohnraum vergeben immer mehr Kommunen ihre Grundstücke nicht mehr ausschließlich nach Höchstpreisgebot. In Städten mit hohem Bedarf an bezahlbarem Wohnraum wie Köln, Düsseldorf und Münster in NRW, aber auch in Landau, Friedrichsdorf oder Tübingen werden die besten Konzepte im Wettbewerb der Bieter*innen nach festgelegten Kriterien ermittelt.
    In der kommunalen Praxis herrscht vielfach die Grundstücksvergabe nach Höchstpreis vor. Das geht häufig zu Lasten der Qualität von Wohnprojekten. Die Funktion von Liegenschaften wird heute in der Politik wieder verstärkt unter stadtentwicklungspolitischen Gesichtspunkten diskutiert, insbesondere angesichts des hohen Bedarfs an bezahlbarem Wohnraum in lebenswerten Quartieren.

    Ziele solcher Konzeptvergaben können z. B. Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, Unterstützung von bestimmten Zielgruppen und Organisationsformen, Förderung des nachhaltigen Wohnungsbaus, Stärkung der sozialen Mischung im Quartier und Stärkung der Gestaltungsqualitäten im Wohnungsbau sein.
    Der Bund empfiehlt in seinen „Kernempfehlungen und Maßnahmen“ des Bündnisses für bezahlbares Wohnen und Bauen (Punkt 2.2.2) eine verstärkte Anwendung der Konzeptvergabe. Dazu heißt es dort: „Alle Gebietskörperschaften sollen Grundstücke für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum verbilligt abgeben. Soweit erforderlich, sind die haushaltsrechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dies schließt eine Vergabe der Grundstücke nach Konzeptqualität und nicht nach dem Höchstbieterverfahren ein. Transparente Bewertungskriterien sollten zwingende Voraussetzung für eine stärkere Nutzung von Konzeptvergaben sein.“
    Erstrebenswert ist die Konzeptvergabe demnach also auch bei der Entwicklung von Wohnungsbauprojekten auf kommunalen Grundstücken. Denn der anhaltende Nachfragedruck im Wohnungsbau lässt die Grundstückspreise stark ansteigen. Insbesondere in wachsenden Re¬gionen wird die Bereitstellung von zusätzlichem bezahlbarem Wohnraum immer schwieriger. Im Interesse einer nachhaltigen und sozialgerechten Stadtentwicklung können Kommunen steuernd durch die sog. Konzeptvergabe eingreifen.

    Förderung genossenschaftlicher Wohnprojekte über Konzeptvergabe in Münster https://www.stadt-muenster.de/sessionnet/sessionnetbi/vo0050.php?__kvonr=2004044653&search=1

    Leitfaden zur Konzeptvergabe Köln https://politik-bei-uns.de/file/57ca60841ae6a049c61ff229

    Leitfaden „Grundstücksvergabe nach der Qualität von Konzepten“ des Landes Hessen https://umwelt.hessen.de/sites/default/files/media/hmuelv/konzeptvergabe_bf.pdf

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