Abendgespräch#6 – Vielleicht werden wir alle noch zu Wutbürgern?

Britta: Heute morgen beim Joggen, als wir von Klimaklebern, Wutbürgern und NIMBYs sprachen, hast Du kurz etwas zu einer Studie zum Confirmation Bias erzählt. Was meintest Du da genauer? Und: Hat das auch was mit #Wir sind Stadt zu tun?

Norbert:
Ja, die Studie fand‘ ich ganz spannend. In aller Kürze: Wir suchen wohl, wenn wir einmal eine Meinung gebildet haben, nur noch nach Informationen und weiteren Meinungen, die uns in unserer einmal gefassten Meinung bestätigen. Selbst wenn es Fakten gibt, die unsere Meinung in Frage stellen müssten oder sie als nicht bedeutsam erscheinen lassen, blenden wir diese aus oder filtern sie weg.

Britta:
Ja und, was heißt das jetzt?

Norbert:
Ich glaube, das kann schon große Auswirkungen auf unsere Klimaaktivitäten, Stadtplanung, etc. haben. Wenn wir uns aktuell z. B. eine Meinung zu den Klimaklebern gebildet haben, über eine persönliche Stauerfahrung, die Medien, persönliche Gespräche, etc. und unsere Bewertung lautet: „Das geht am Thema vorbei.“ Oder: „Das ist Aufgabe der Politik.“ Oder (wütend): „Das ist Erpressung.“ etc., suchen wir zukünftig eher nach einer Bestätigung, dass falsch ist, wie Klimaaktivisten handeln, als über das eigentlich bedeutsame Thema nachzudenken: Die Klimakatastrophe selbst!

Britta:
Ja, das kann ich nachvollziehen, wenn ich in den Zeitungen dazu lese oder das Thema in anderen Medien verfolge. Aber wie ist die Verbindung zu Wutbürgern, Stadtplanung, …?

Norbert:
„Wutbürger“ erzeugen auch bei durchaus berechtigten Anliegen durch die Form des Einbringens in die öffentliche Diskussion „Gegenwutbürger“. Über jeden Aufreger berichtende Medien und Internet-Krakeler tragen ihren Teil dazu bei oder verschärfen die Diskussion. Die konflikthafte Entwicklung der kommunikativen Gesamt-Gemengelage scheint mir in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen ähnlich. In jeder zweiten Talkshow ist diese Wut und Gegenwut zu beobachten.

Die Themen sind dabei nahezu austauschbar: Ob es um kulturelle Aneignung, Gendern, Heizen, Mobilität, oder oder oder geht: Gesellschaftliche Konflikt-Eskalation anstelle produktiver Beschäftigung mit den Themen, auch bei z. B. bei Klimaaktivitäten, der Beendigungdes Ukraine-Krieges und Umgangs regeln mit KI (Künstlicher Intelligenz).

Britta:
Und was hat das jetzt mit Stadtplanung und #Wir sind Stadt zu tun?

Norbert:
Die Phänomene sind im Prinzip doch die gleichen. Einzel- bzw. Eigeninteressen bestimmen die Prozesse – von wegen Gemeinwohl. Die NIMBYs (not in my backyard), die NIMFOS, die QUIMBYs, NIMFYEs und wie sie alle genannt werden, sind – zumindest aktuell – nur schwierig einzubinden. Wir sind doch schon oft auf öffentlichen Veranstaltungen zu Quartiers- und anderen Planungen gewesen und haben erlebt, wie wütend da krakelt und zurückkrakelt wird.

Britta:
Ja, aber Dinge zu beschreiben ist ja das Eine. Hast Du denn auch eine Idee, wie es besser ginge?

Norbert:
Ehrlich gesagt nein. Vielleicht müssen wir, so blöd das auch ist, die Klimakatastrophe erst in ihrem heute schon prognostizierbaren Ausmaß real erleben, bevor wir zur gemeinsamen Vernunft kommen und Vernunftbürger statt Wutbürger werden.

Quellen:
zu NIMBYs, NIMFOS, QUIMBYs und NIMFYEs: Klaus Selle, „NIMBY, NIMFYE, LULU und andere …“, pnd online, 1-2015
zum Confirmation Bias: Aileen Oeberst und Roland Imhoff in „Perspectives on Psychological Science“, März 2023, zusammengefasst von Leander Steinkopf, FAZ Net, 29.4.2023

2 Antworten

  1. Harry Wolff sagt:

    De Aktionen der Klimaaktivisten der letzten Generation werde von der Mehrheit abgelehnt.

    Gleichzeitig zeigen aber Untersuchungen in Großbritannien, dass der Anteil an der Bevölkerung wächst, die sich für stringentere stärkere Einhaltung der Klimaziele ausspricht!
    Vielleicht wirken die Aktionen doch!

    • Jutta Bassfeld sagt:

      Ja, sicher gibt es unterschiedliche Reaktionen auf die verschiedenen Aktionsformen und das ist gut so, denn unsere Gesellschaft ist viefältig…Und: Wie Du schon richtig anmerkst, vielleicht (HOFFENTLICH) bewirken sie doch, dass wir eben eher über das grundlegende Problem diskutieren und nicht über die Aktionsform. Vielen Dank, lieber Harry Wolf, für Deinen Kommentar.

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