Bonner Handlungskonzept Wohnen – Stellungnahme von VertreterInnen Bonner gemeinschaflicher Wohnprojekte
Über Michael Raetsch, Mitglied im Netzwerk der Gemeinschaftlichen Wohprojekte Bonn Rhein/Sieg, erreichte uns eine schriftliche Stellungnahme zum Entwurf des Handlungskonzept Wohnen, den wir hier gerne veröffentlichen.
Das Bonner Handlunsgkonzept Wohnen wurde von der Stadverwaltung erarbeitet und dann im Rahmen von sogenannten Wohnungsbaukonferenzen mit verschiedenen AkteurInnen aus der Wohnungswirtschaft, wie zB. ImmobilienmaklerInnen, InvestorInnen, VerbandsvereterInnen und anderen sowie MitarbeiterInnen aus der Stadtverwaltung diskutiert. Ziel ist es, ein konsistentes und praktikables Instrumentarium zu schaffen, mit dem der Wohnungsbau in Bonn aktiviert werden kann.
VerterInnen aus der gemeinschaftlichen Wohnprojekteszene waren erstmalig zur dritten Konferenz am 09.09. dieses Jahres – auf eigenes Betreiben hin – eingeladen worden.
Michael Raetsch schreibt:
An das Team der Bonner Wohnungsbaukonferenz
Sehr geehrte Frau Klemmt,
sehr geehrter Herr Springer und KollegInnen,
wir hatten Gelegenheit, als Mitglieder gemeinschaftlicher Wohngruppenprojekte nun erstmalig bei der 3. Bonner Wohnungsbaukonferenz teilzunehmen. Hierfür möchte wir uns bedanken, und wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir sehr beeindruckt sind von Ihrer professionellen Arbeit und ebenso von den Ergebnissen ihrer Arbeit in Gestalt des jetzt vorgelegten Entwurfs für das „Handlungskonzept Wohnen Bonn“. Wir freuen uns, dass die Stadt Bonn engagierte Mitarbeiter darangesetzt hat, endlich ein zusammenhängendes und zukunftsweisendes Konzept für ihre Wohnungsbaupolitik zu entwickeln. Wir wünschen Ihnen von Herzen, dass Ihre Arbeit von Seiten Ihrer Vorgesetzten im Alltag und vor allem im Ergebnis ausreichend gewürdigt und unterstützt wird. Wir hoffen, dass Ihre Arbeit am Handlungskonzept nicht lediglich als Spielwiese für engagierte und kreative MitarbeiterInnen und als Aushängeschild für die Öffentlichkeit dient, wonach dann geräuschlos zur Tagesordnung und in alte Gleise zurückgekehrt werden kann (und die MitarbeiterInnen dann in innovationsfreudige Städte abwandern).
Wir fanden die Konferenz am 09.09. beeindruckend, hier insbesondere die Schilderungen aus den beiden Städten Bochum und Ulm. Und wir staunten mal wieder, wo andere Städte stehen.
Eine Randbemerkung zum Ablauf: Wir waren allerdings – in Unkenntnis über die geplanten Programmpunkte – davon ausgegangen, dass es sich bei der 3. Konferenz um ein Dialog-Format handelt, bei dem auch die Stellungnahmen zum Entwurf des Handlungskonzepts vorgestellt und diskutiert würden.
Zum Anliegen der gemeinschaftlichen Wohnprojekte:
Bereits in der schriftlichen Stellungnahme von Anders Wohnen zum Handlungskonzept sind Maßnahmen und Instrumente genannt worden, die die Realisierung gemeinschaftlicher Wohnprojekte fördern würden. In der Konferenz am 09.09. haben wir noch einmal drei Punkte vorgetragen, auf die wir hier kurz eingehen wollen.
1.) „Wohnraumbeschaffungslotse“
Das im Handlungskonzept bereits aufgeführte Instrument des Wohnraumbeschaffungslotsen, das von zahlreichen TeilnehmerInnen und auch von Seiten der gestrigen Referentinnen als wichtiges Koordinierungsinstrument bezeichnet wird, ist auch in unserer Augen unverzichtbar und ist prioritär zu schaffen. Es sollte allerdings erweitert werden um den Bereich „Neue Wohnformen / Gemeinschaftliche Wohnprojekte“. Gerade diese sind aufgrund ihrer ehrenamtlichen Strukturen und ihrer fehlenden Eigenkapitalausstattung bei der Grundstückssuche und der Projektentwicklung stark benachteiligt gegenüber professionellen InvestorInnen und sind in der Zuständigkeitsvielfalt der öffentlichen Verwaltung oft verloren.
Diese Stelle sollte -der Empfehlung aus Ulm folgend – in der Verwaltungshierarchie sehr weit oben angesiedelt sein.
2.) Quotierung für Neue Wohnformen
Dieser Vorschlag ist bisher nicht im Konzept enthalten. Die Anzahl neuer Wohnformen würde deutlich erhöht werden, wenn bereits im Planungsverfahren für Baugebiete eine Quote für neue Wohnformen festgesetzt würde. Wenn diese durch entsprechende InteressentInnen nicht ausgeschöpft würde, würden gemeinwirtschaftliche oder kommunale Investoren und danach kommerzielle Investoren zum Zuge kommen. Eine solche Quotierung nach Ergänzung des § 9 BauGB wird auch von wissenschaftlichen Studien als wirksames Förderinstrument empfohlen (vgl. Klaus Mindrup, Wohnungsgenossenschaften als Zukunftsmodell – Eine zentrale Säule für langfristig bezahlbaren Wohnraum, Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Juli 2026,
https://www.fes.de/themen/soziales/wohnungsgenossenschaften-als-zukunftsmodell).
Die in diesem Zusammenhang ebenfalls notwendigen bzw. sinnvollen Instrumente wie langfristiges Erbbaurecht, Konzeptvergabeverfahren und Anhandgabeverfahren sind in Bonn in Ansätzen zwar bereits vorhanden, finden aus den unten dargestellten Gründen jedoch kaum Anwendung.
3.) Bewusstseinsbildung Gemeinschaftliches Wohnen
Bei der Konferenz am 09.09. wurde einmal mehr deutlich, dass die Stadt Bonn in der Wohnungspolitik um Jahre bzw. Jahrzehnte hinter vergleichbaren Städten zurückhängt. Gleiches gilt für die Rolle und die Berücksichtigung innovativer Wohnformen und gemeinschaftlicher Wohnprojekte in der Bonner Wohnungsbaupolitik. Nicht nur fehlende Grundstücke und steigende Preise führen dazu, dass in Bonn in den letzten 20 Jahren trotz der großen Nachfrage nach neuen Wohnformen nur eine Handvoll oder (je nach Definition) ein knappes Dutzend gemeinschaftlicher Wohnprojekte realisiert wurden. Mangels einer systematischen Unterstützungs- und Förderstruktur geben zahlreiche neu entstehende Projektgruppen frühzeitig wieder auf, oder sie „verhungern“ auf der Strecke – oder wandern in andere Kommunen ab. Im Ergebnis spielen sie auf dem Wohnungsmarkt in Bonn nur eine marginale Rolle und werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.
Ganz offensichtlich mangelt es in Bonn sowohl in der Politik als auch in der Verwaltung an Wissen über die Besonderheiten aber auch über die Potentiale und die gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieser Wohnformen für die Wohnungspolitik: Wird in diesen Wohnformen doch nicht nur bezahlbarer Wohnraum geschaffen oder erhalten sondern werden zusätzlich städtebauliche, klimapolitische und soziale Aufgaben erfüllt. Der Ausschluss von Spekulation, der Verbleib von erwirtschafteten Überschüssen im Projekt und das Herstellen preisgünstigen Wohnraums wirkt sich zudem insgesamt mildernd auf die Mietpreise einer Kommune aus. Gemeinschaftliche Wohnformen erhöhen und stärken darüber hinaus erheblich die Wohnqualität und das soziale Miteinander im Quartier. Siehe hierzu die neue Studie des BBSR von Oktober 2025, die zum Ergebnis kommt: „…Innovative Wohnformen können einen wirksamen Beitrag zur Lösung aktueller wohnungs- und stadtentwicklungspolitischer Herausforderungen leisten.“(BBSR-Online-Publikation Nr. 36/2026 Innovative Wohnformen 96 Weiterentwicklung innovativer Wohnformen für die Zukunft
https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2026/bbsr-online-36-2026.html
Sinnvoll und notwendig wäre in unseren Augen daher eine systematische und gezielte Information der Verwaltung, der Politik und der Öffentlichkeit über den Sektor Gemeinschaftliches Wohnen. Hierzu würde auch gehören, die Erfahrungen anderer Kommunen mit diesem Sektor einzubeziehen und sich nutzbar zu machen. Hier sind mehrere Formate möglich:
a) Wir denken zur Zeit darüber nach, zum Thema „Gemeinschaftliches Wohnen in Bonn“ selbst eine eigene Veranstaltung durchzuführen , vergleichbar etwa mit der „Wohnprojektemesse 2019“ in Bad Godesberg in Zusammenarbeit mit der Bonner VHS.
b) Wirksamer wäre allerdings gewiss eine Veranstaltung, die von Seiten der Stadt zu diesem Thema durchgeführt und von unserer Seite unterstützt und beliefert wird, z.B. im Format der Wohnungsbaukonferenz.
c) Des Weiteren wäre ein zeitlich begrenztes Dialog-Format zwischen Verwaltung und Projekteszene sinnvoll und denkbar, in dem die Besonderheiten und die Potentiale dieses Sektors anschaulich gemacht und Instrumente zur Unterstützung und Förderung bearbeitet und eventuell gemeinsam entwickelt werden können.
Über diese verschiedenen Möglichkeiten würden wir gerne mit Ihnen in Austausch kommen und klären, ob und wie – eventuell in Kooperation – ein geeignetes Format entwickelt werden kann.
Wir würden uns freuen, wenn die im Handlungskonzept beschriebenen Instrumente und Maßnahmen so schnell wie möglich umgesetzt und im weiteren Dialog zwischen Verwaltung und den Akteuren des Wohnungsbaus – auch aus dem Bereich der gemeinschaftlichen Wohnprojekte – fortentwickelt werden. Hier sind wir gerne zu einer weiteren Zusammenarbeit bereit.
Mit besten Wünschen für den Erfolg Ihrer Arbeit und mit freundlichen Grüßen
Michael Raetsch (Anders Wohnen e.V.)
Peter Schardt (Anders Wohnen e.V.)
Gerd Hönscheid-Gross (Mühlenbach eG)
Solveig Rose (Cohousing Bonn)
Hans-Joachim Otto (Wahlverwandtschaften Bonn e.V.)
Das Handlungskonzept sowie alle Stellungnahmen hierzu findet ihr im Ratsinformationssystem unter https://www.bonn.sitzung-online.de/public/VO020?VOLFDNR=2027932
Zur Lektüre empfehlt sich außerdem die beiden im Text erwähnten Studien zur Rolle und Bedeutung innovativer Wohnformen und Genossenschaften:
https://www.fes.de/themen/soziales/wohnungsgenossenschaften-als-zukunftsmodell
https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2026/bbsr-online-36-2026.html

Ich find das ganz große Klasse, was Sie da machen. Sie sind Vorreiter eines neuen möglichen Lebens auf unserer Erde.…
Hallo Ulrich Feldmann, laut Impressum ist die Bewegung als gemeinnützige Organisation verfasst: Change Clubs gGmbH
Ist Change Clubs ein eingetragener Verein?